Zeit für eine Bilanz Vor gut einem Jahr wurde in Wilhelmshaven das erste energieautarke Mehrfamilienhaus Deutschlands eingeweiht. Wie hat es sich seitdem bewährt?
02.06.2020 Ausgabe: 3/20

Als im Dezember 2018 in Wilhelmshaven das erste energieautarke Mehrfamilienhaus Deutschlands eingeweiht wurde, war das nicht nur für den Bauherrn, die Wilhelmshavener Spar- und Baugesellschaft eG, ein Meilenstein, sondern auch für die Wohnungswirtschaft: Die Bauweise des Hauses ermöglicht es Vermietern, eine Pauschalmiete zu kalkulieren, die mit 10,50 Euro/qm neben sämtlichen Betriebs- und Heizkosten auch den individuellen Strombedarf der Mieter berücksichtigt. Was einem energetischen Freibrief für die Mieter gleichkommt, ist nur möglich, weil als zentrale Energiequelle die Sonne genutzt wird. Siehe dazu auch ­
DDIVaktuell 3/19, S. 30 f.

Das Konzept für das energieautarke Mehrfamilienhaus stammt vom Freiberger Energieexperten Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld, der dem Bauherrn beratend zur Seite stand. Er fasste bekannte Baustandards wie das Sonnenhaus, das Plus­energie- oder Effizienzhaus Plus und das Passivhaus zusammen und entwickelte sie konsequent weiter. Mit 165 qm Photovoltaik-Fläche und 96 qm Solarthermie-Fläche auf dem Dach, an der Fassade sowie an den Balkonverkleidungen des zweistöckigen Wohngebäudes, dazu zwei Batteriespeichern mit 22 kWh sowie dem Herzstück des Hauses, einem 20 000 Liter fassenden Schichtenspeicher, sorgt die neuartige Bauweise für einen Autarkie­grad von rund 65 Prozent. Und diese Au­tarkie kommt den Mietern der sechs 90 qm großen Wohnungen zugute. Sie sparen im Vergleich zu einer konventionellen Neubauwohnung in Wilhelmshaven rund 120 Euro monatlich an Gesamtkosten und profitieren zugleich von langfristiger Kostensicherheit sowie dem Umstand, den persönlichen Verbrauch von Strom und Heizung nicht mehr vom Geldbeutel abhängig machen zu müssen. Dieses Novum in der Wohnungswirtschaft kommt bei den Mietern gut an, wie schon bei der ersten Vermietung festgestellt werden konnte.

Realitäts-Check für Annahmen und Berechnungsgrundlagen
Die tragenden Säulen des energieautarken Konzepts sind zum einen die Solarthermie auf dem Dach zur Heißwassererzeugung aus Sonnenenergie, und zum anderen der riesige Langzeitwärmespeicher, der die Wärme über mehrere Wochen halten kann. Solarthermie hat einen dreimal so großen Wirkungsgrad wie Photovoltaik. Die zugrunde gelegten Berechnungen gingen von einem Autarkiegrad von rund 70 Prozent aus. Die Auswertung nach einem Betriebsjahr zeigt, dass die für das Pilotprojekt getroffenen Annahmen und Berechnungsgrundlagen auch dem Realitäts-Check standhalten. Der Gesamtenergieverbrauch des Hauses lag bei 36 579 kWh (20 475 kWh Wärme, 16 104 kWh Strom). Demgegenüber steht der solare Ertrag durch die Photovoltaik- und Solarmodule von 37 964 kWh (22 152 kWh Wärme, 15 812 kWh Strom). Insgesamt hat das Objekt also einen Energieüberschuss erwirtschaftet. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass die witterungsabhängige solare Energiegewinnung nicht durchgängig im zeitlichen Einklang mit dem nutzerbedingten Energieverbrauch steht. Heißt: Nicht immer war Energie dann verfügbar, wenn sie gebraucht wurde. Der um diesen Faktor bereinigte Autarkiegrad liegt bei rund 65 Prozent – also sehr nah an den getroffenen Annahmen. Von Frühjahr bis Herbst hat das Haus die solaren Energieüberschüsse an die Nachbargebäude und ins öffentliche Netz abgegeben.


Verbrauchsobergrenzen erwiesen sich als auskömmlich
Was das Haus in den Wintermonaten an Wärmebedarf nicht aus der Kraft der Sonne gewinnt, deckt eine Erdgasbrennwertheizung ab. Strom wird dann bei Bedarf ergänzend aus dem öffentlichen Netz bezogen. So werden Versorgungsengpässe verlässlich ausgeschlossen. Das funktioniert sehr gut. Für Strom und Heizung berücksichtigt die Pauschalmiete jährliche Verbrauchsobergrenzen von 3 000 kWh und 100 Kubikmeter Wasser pro Wohneinheit. Diese Kalkulation geht sowohl für den Vermieter als auch für die Mieter auf. Die in der Pauschalmiete berücksichtigten Verbrauchs­obergrenzen für Wärme/Strom und Wasser sind auskömmlich bemessen, sodass für diese Positionen keine Nachberechnung erforderlich war.

Bis zum heutigen Tag gibt es zudem keinerlei technische Probleme, die Haustechnik arbeitet einwandfrei und zuverlässig. In den Wohnräumen installierte Displays informieren die Mieter täglich über ihre aktuellen und bisherigen Verbrauchswerte.

Im Hauseingang zeigt ein Flachbildschirm den tagesaktuellen und bisher erzielten solaren Ertrag des gesamten Gebäudes sowie die Gesamtverbräuche an. Das bedeutet zu jeder Zeit Kostenkontrolle und Transparenz – und hat auch die Erstmieter überzeugt. „Dass die Energie der Sonne so effektiv genutzt werden kann, ist schon faszinierend. Es ist praktisch, dass wir unsere Verbräuche über ein Display überwachen können“, sagt das Ehepaar Frerichs, das am 1. Januar 2019 eine der Wohnungen bezog. „Wir sind von der ganzen Technik sehr begeistert. Die Fußbodenheizung macht es möglich, dass keine Heizkörper mehr notwendig sind, und sie heizt wirklich sehr gut. Auch das Konzept der Lüftungsanlage, die vermieterseitige Kücheneinrichtung mit energieeffizienten Geräten, der Zuschnitt der Wohnung und dass wir Energie sparen können, begeistert
uns.“

Eigene E-Tankstelle vor dem Haus
Seit September letzten Jahres findet noch etwas den Zuspruch der Mieter: das neue E-Carsharing-Angebot. Jedes Genossenschaftsmitglied kann seitdem einen elektrischen Renault Zoe nutzen, der seinen Stammparkplatz direkt vor dem Haus hat. Dort bezieht er seinen Strom aus einer Ladesäule, die aus den Energieerträgen des Hauses gespeist wird. An einem zweiten Ladepunkt können die Mieter auch eigene Elektrofahrzeuge „betanken“ – ein Beitrag des Vermieters zu umweltfreundlicher Mobilität. Für den einen oder anderen Mieter ist dies vielleicht auch eine Anregung, die Wahl seines Verkehrsmittels bewusst zu überdenken und den eigenen ökologischen Fußabdruck durch die Nutzung eines mit regenerativem Strom betriebenen Autos zu verringern. Kooperationspartner für dieses Angebot ist der Bremer Carsharing-Anbieter cambio. Das Pilotprojekt ist zunächst auf einen Zeitraum von zwei Jahren befristet. Wird es von den Mietern gut angenommen, wird geprüft, ob auch in anderen Wohnquartieren Carsharing-Stationen eingerichtet werden.

FAZIT
Mit der Umsetzung des Konzepts eines energieau­tarken Mehrfamilienhauses hat die Spar + Bau landesweit eine immobilienwirtschaftliche Vorreiterrolle für den Klimaschutz übernommen. Dass hier zwei Drittel des Bedarfs an Strom und Wärme aus eigenen Ressourcen erzeugt werden können, garantiert den Mietern langfristig günstiges und kostensicheres Wohnen. Ob vernetzte Energieau­tarkie sich auch für andere Wohnungsunternehmen als tragfähiges Konzept erweisen kann, werden die kommenden Jahre zeigen.

Foto: Wohnen mit Energie-Flatrate und gutem Gewissen: Das energieautarke Mehrfamilienhaus
© Olaf Mahlstedt; Spar + Bau


Schlagworte:
Energiebilanz,Autarkiegrad,Energiegewinnung

zurück zur Übersicht