Sanieren statt ­demontieren - Bei der Leckageortung und Sanierung von Flachdächern zahlen sich durchdachte Lösungen aus.
20.05.2021 Ausgabe: 3/21

Der kostenintensive Abriss eines schadhaften Flachdachs kann in vielen Fällen vermieden werden. Spezielle Leckortungs- und Trocknungstechniken machen’s möglich. Keine andere Dachform ist so vielfältig zu gestalten und zu nutzen wie das Flachdach. Der architektonische Spielraum geht dabei Hand in Hand mit der Erfüllung notwendiger Anforderungen an die Kons­truktion in Bezug auf Statik, Dämmung und Abdichtung. Witterungs- und Umwelteinflüsse sowie mechanische Beanspruchung wirken nachhaltig auf die Haltbarkeit ein – und das macht Flachdächer auch besonders schadenanfällig, wobei die Suche nach der jeweiligen Schadensursache meist sehr komplex ist. Viele Schäden zeigen sich erst Jahre später, wenn z. B. Wasser ins Gebäude eindringt, sich die Mineralwolldämmung zersetzt, die Dämmwirkung nachlässt oder Schimmelpilz entstanden ist.

Die Schadenbegutachtung
So vielseitig Flachdächer in Größe, Art und Nutzung konstruiert sein können, so unterschiedlich sind auch die Schadensbilder. Um so wichtiger ist es, ein klares Bild von der Schadensursache und dem Ausmaß der Durchfeuchtung zu gewinnen, um auf dieser Basis eine geeignete wirtschaftliche Sanierungslösung zu entwickeln. Am Anfang steht dabei immer die Dachbegehung mit detaillierter optischer Überprüfung des Aufbaus, insbesondere von Lichtbändern, Rohrdurchgängen, Bewegungsfugen, Fallrohren, der Unterkonstruktion, der verbauten Dämmmaterialien sowie der Abdichtungsoberbeläge. Eine sichere Beurteilung erfordert oft auch eine Bauteilöffnung an definierten Stellen. 

Methoden der Leckageortung
Undichtigkeiten an einem Flachdach zu orten, ist deutlich komplexer als bei anderen Dachformen. Eine Reihe technischer Messmethoden sind verfügbar, die oft kombiniert eingesetzt werden müssen, um eine Dichtigkeitsprüfung mit punktgenauer Ursachenermittlung zu gewährleisten.

Bei den meisten Schadensfällen erfolgt im ersten Schritt eine Feuchtemessung mit dem sogenannten Neutronensondenverfahren. Es eignet sich hervorragend, um schwer zu ermittelnde Leckagen einzugrenzen, und liefert mit der zerstörungsfreien Messtiefe von bis zu 30 Zentimetern präzise Erkenntnisse über den tatsächlichen Feuchtegrad und die -verteilung in der Konstruktion. Zudem ist das Verfahren bei den meisten Flachdächern und den darin verbauten Dämmschichten einsetzbar. Da die abschließende richtige Auswertung der Ergebnisse äußerst komplex ist, bedarf es einer speziellen Qualifikation der Ausführenden. Sie müssen die Wirkweisen des Messverfahrens sehr genau kennen und zudem die notwendige bautechnische Fachkunde besitzen, um Fehlmessungen und daraus resultierende falsche Analysen zu vermeiden. Erfasst werden die Messergebnisse in einem Rasterprotokoll, der sogenannten Feuchtekartierung. Sie stellt die Feuchtegrade farblich skaliert dar und bildet die Basis für die Entwicklung des Trocknungskonzepts sowie für anschließende Sanierungsmaßnahmen.

Gegenüber herkömmlichen Messverfahren bietet der Einsatz einer solchen Messsonde den entscheidenden Vorteil, dass die Zahl der notwendigen Sondieröffnungen in der Dachkonstruktion auf ein Minimum reduziert werden kann. Je nach Anforderung und Komplexität werden bisweilen auch weitere Ortungstechniken ergänzend angewandt, z. B. das Rauchgas- und Tracergas-Verfahren, das Elektroimpuls- oder das Endoskop-Verfahren.

Ein Beispiel aus der Praxis
Ist die Undichtigkeit mithilfe der kombinierten Messmethoden gefunden und fachmännisch repariert worden, stellt sich oft die Frage, wie sich Dachkonstruktion und Dämmung am besten trocknen lassen – manchmal mit überraschendem Ergebnis, wie das folgende Beispiel  zeigt. Hier konnte die von einem Drittanbieter geplante Kahlschlagsanierung durch ein Substanz erhaltendes Trocknungskonzept verhindert werden:

Das aus Metallprofilen, Sperrholzplatten und Zwischenraumdämmungen komplex konstruierte Flachdach eines Multiplex-Kinos wurde durch einen massiven Hagelschaden stark geschädigt. Auf einer Fläche von rund 1.300 Quadratmetern zeigte die Dachhaut unzählige Hageleinschläge und Risse. Schnee- und Regen führten in der Folge zu starker Durchfeuchtung der Sperrholzplatten und der Mineralwoll­dämmungen.

Zur ersten Schadenaufnahme wurde im Vorfeld eine intensive Begehung der Konstruktion durchgeführt – in Verbindung mit Feuchtemessungen im Troxler-Neutronensondenverfahren sowie weiteren dielektrischen Oberflächenmessungen zur Feuchtebestimmung in den Schichten und den unterschiedlichen Materialien. Ergänzend wurden in ausgewählten Teilbereichen kleine Öffnungen der Konstruktionen vorgenommen, um Rückschlüsse auf den tatsächlichen Dachaufbau und den Grad der Beschädigung zu ziehen. Die detaillierte und beprobte Analyse – insbesondere der noch trocknungsfähigen Mineralwolle und der Sperrholzplatten – ergab, dass die komplette Dachkonstruktion mit einem innovativen Sanierungskonzept nachhaltig zu retten war.

Alle Trocknungsmaßnahmen wurden im sogenannten Vakuumverfahren mit speziellen Hochleistungspumpen durchgeführt. Zwischenmessungen im Neutronensondenverfahren dokumentierten den sicheren Sanierungsfortschritt. Um die optimale Trocknung in allen Lagen der Profile zu gewährleisten, kam eine eigens entwickelte Technik zum Einsatz: Mehr als 300 konisch geformte „Eindreher“ wurden in die Dachkonstruktion eingebaut, um den notwendigen Luftdurchgang innerhalb der Trapezbleche wie auch in den mit Mineralwolle gefüllten Zwischenräumen sicherzustellen. Gleichzeitig wurde über spezielle Trocknungsstutzen Luft zwischen Sperrholzplatten und Dachhaut eingebracht. Über einen Zeitraum von vier Wochen wurde die dafür genutzte Hochleistungs-Vakuumtechnik in mehreren Folienzelten auf der Dachfläche witterungsgeschützt untergebracht. Das komplette Dach konnte in seiner ursprünglichen Bauart und Funktion erhalten werden – ohne Demontage und kostenintensiven Neuaufbau.


1. Präzise Messergebnisse bis 30 Zentimeter Tiefe liefert die ­Neutronensonde zerstörungsfrei.


2. Basis für weitere Maßnahmen: Das Rasterprotokoll macht Feuchtegrade über eine Farbskala sichtbar, von Grün = trocken über Gelb und Blau nach Rot = stark feucht.


3. Über Eindrehstutzen wird Luft zur Trocknung zwischen Sperrholzplatten und Dachhaut eingebracht. Folienzelte schützen die Hochleistungs-Vakuumtechnik vor Witterung.

Fotos: © Ingenieurbüro Tobias Ritzer


Schlagworte:
Flachdach,Leckageortung,Trocknung

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